Die Wasser
Tabea Farnbacher
Ganz am Anfang war das Wasser
Noch vor jedem Wort, vor jeder Zeit
Und dort, wo die Welt die tiefste Stille barg
Schliefen die Wassergöttinnen den Ursprungsschlaf.
Die Herrscherinnen der Fluten ruhten
In der ewigen Kühle in sich
Namentlich die Göttinnen der Flut, der Strömung,
des Sturms, der Flüsse, der Bäche, der Dämpfe, der Tropfen und des Regens,
die Göttinnen des Schnees, des Eises und der Tränen,
Die Göttinnen der Seen, des Teiches und der Meere,
im Herzen des Urozeans zu Wasser vereint.
Man unterschied weder nach Ort noch Jahren
Es war dunkel – und hell – zugleich.
Über allem lag eine Ewigkeit aus grauem Blau
Und die Meeresgöttin Nammu sah im Traum
Ein tief tönendes Wasserreich,
mit Geräuschen statt Stille
mit Schwimmhäuten so leicht
dass sie Flügel sein könnten
das Ende des Traumes war fast erreicht
da verschob sich die Ruhe
zum ruhigsten Gefühl
die Sehnsucht zog ein
und die Göttin der Meere,
wollte wagen, sie selber zu sein
sie sehnte Grenzen herbei
und sah sich selbst als Urgewalt, als Lebensraum
Und so wurde sie zur Urgestalt, zum Anfangstraum
Aus Sehnsucht wurde Verlangen
und aus Verlangen Wille
Kälte schnitt scharf durch die Stille
Und Nammu zerriss sich in Wasser und Eis,
in Süß- und Salzwasser,
warm und kalt.
Sie schuf sieben Kontinente
Ozeane trieben auseinander
Und es entstanden Strudel so stark
Das sie Felsen zu Sand zerrieben
Die Meere rissen aneinander,
Und die Göttinnen des Wassers wachten auf
Aus Bergen brachen Quellen hervor
Flüsse strömten durch braches Gebiet
Tau benetzte Steingebilde
Regen trommelte auf Wassermassen
Geysiere schossen aus dem Boden
Schnee legte der Welt einen Mantel um
Der Golfstrom entstand und brachte das Wetter
Tränen benetzten alles Lebendige
Und Stürme rissen Landmassen ein
Erst als die Wasser erwachten
Erwachte die Zeit
Die Wasser riefen die Welt an
Und die Welt war so weit
Energie formte Zellen
Und Zellen das Leben
Wale zogen wie dunkle Wolken
Durch die Tiefen dahin
Quallen schwebten vornehm umher
Algen tanzten zur Strommelodie
Und die Flossenschläge der Fische
Wurden zur Seesinfonie
Die Göttin der Meere war Königin geworden
Und ihr Reich war das Ende der Farbherrschaft Blau
Es war fischschuppenorange und korrallenrosa,
es war walhautgrau und wasserpflanzengrün
es war lichtdurchflutettürkis und dunkelheitsblau
es war das Ende und der Anfang zu gleich
Sie schmückte ihre Haare mit Kronen aus Schaum
Und erzeugte Strudel des Lebendigen
Und die Fische, die kleinen und die wendigen,
schwammen wie Traumpartikel umher
hier unten, in der Tiefe, war man weniger schwer
Luftblasen funkelten wie Edelsteine
Und den Ort allen Lebens nannte man Meer.
Nammu streichelte die Strände und Küsten
Sie umarmte die Felsen und liebkoste den Wind
Und als die Kinder des Meeres vollkommen waren
Da fand sie sich selbst als Horizont zu klein
Da ließ sie sie atmen
und gab sie an Land.
Die neugeborenen Meereskinder
atmeten Luft und tranken das Wasser
Sie machten Feuer und nutzten die Erde
Sie fanden Gedanken und kosteten Glück
Sie wurden wie Nammu zu Wesen
Und sie gebaren sich eigene Kinder
Und ihre Bäuche wurden zu Meeren
Schwerelos und federgleich
Schwebten sie in Friedlichkeit
Die Geräusche wie gefiltert
Die Lichter leicht gedimmt
Am Anfang sind wir Wasserwesen
Die Finger sind noch kleine Flossen
wir haben keine Kiemen
Und atmen doch nicht Luft
Geboren aus dem Leibe einer Königin
Ein Feststoff im Wasser,
ein Fels in der Brandung
nicht Fisch aber Fleisch
taumeln wir von Wasser in Luft
und ein erster Schrei
erklingt in der Welt
Und so taumeln wir
Halb Mensch und Halb Wasser,
wir tragen in uns
zwei ruhige Ströme
Aus Süßwasser und Salz
Blut und Speichel und
Tränen und Schweiß
In uns waren die Wasser
Wieder vereint
Das Ende des Traumes war fast erreicht
da verschob sich die Ruhe
zum ruhigsten Gefühl
und die Sehnsucht zog ein
nach Feuer und Wissen,
nach eigenem Heim
und wo vorher Wald war
war später Stein
und wo vorher Tier war
trat Stille ein
Boote zogen durch die Häfen,
Motoren dröhnten überall,
Tanker vergossen schwarze Tränen
Die Wolken weinten sauren Regen
Und Vögel trieben mutlos dahin
Man vergaß die Göttin des Meeres
Und erfand die Göttin des Geldes
Und man arbeitete, statt zu wünschen
Und man hetzte, statt zu ruhen
Und man wollte, statt zu wissen
Und die Lüfte wurden staubig
Der Smog war überall
In der Krone der Göttin des Meeres
Steckte das Plastik und verfilzte ihr Haar
Man ließ Netze unter ihre Haut
Und beutete ihre Meereskinder
Und Nammu wollte sie strafen doch
Ohne ihr Wasser vertrockneten sie
sie wollte sie wieder zu sich nehmen
Doch in ihren Fluten ertranken sie
Und Nammu war so traurig,
dass sie einsam wurde
Und Nammu war so traurig,
dass sie weinen wollte
Und sie rief die Göttin der Tränen
Und es gab einen salzigen Regen
sie riefen die Stürme, die Dämpfe,
den Regen, die Fluten, den Strom
wir werden wieder wir sein, sprachen sie,
die Wasser.
Und die Wasser erfassten
Was sie fassen konnten
Gletscher lösten sich zu kalten Tränen
Polarkappen brachen zu traurigem Staub
Meeresspiegel erklommen die Inseln
Und Tsunamis bissen der Welt die Ränder ab.
Sie nahmen mit, was sie einst gaben
Das Leben, die Luft und das Korn
Sie nahmen mit, was sie zurückbekamen
Den Müll, das Öl und den Zorn
Ganz am Anfang war das Wasser
Noch vor jedem Wort, vor jeder Zeit
Ganz am Ende war das Wasser
Nach den Menschen, nach dem Streit
sie gaben,
sie kamen,
sie nahmen,
denn sie waren
die Wasser