Ganz am Anfang war das Wasser

Noch vor jedem Wort, vor jeder Zeit

Und dort, wo die Welt die tiefste Stille barg

Schliefen die Wassergöttinnen den Ursprungsschlaf.

Die Herrscherinnen der Fluten ruhten

In der ewigen Kühle in sich

Namentlich die Göttinnen der Flut, der Strömung,

des Sturms, der Flüsse, der Bäche, der Dämpfe, der Tropfen und des Regens,

die Göttinnen des Schnees, des Eises und der Tränen,

Die Göttinnen der Seen, des Teiches und der Meere,

im Herzen des Urozeans zu Wasser vereint.

Man unterschied weder nach Ort noch Jahren

Es war dunkel – und hell – zugleich.

Über allem lag eine Ewigkeit aus grauem Blau 

Und die Meeresgöttin Nammu sah im Traum

Ein tief tönendes Wasserreich,

mit Geräuschen statt Stille

mit Schwimmhäuten so leicht

dass sie Flügel sein könnten

das Ende des Traumes war fast erreicht

da verschob sich die Ruhe

zum ruhigsten Gefühl

die Sehnsucht zog ein

und die Göttin der Meere,

wollte wagen, sie selber zu sein

sie sehnte Grenzen herbei

und sah sich selbst als Urgewalt, als Lebensraum

Und so wurde sie zur Urgestalt, zum Anfangstraum

Aus Sehnsucht wurde Verlangen

und aus Verlangen Wille

Kälte schnitt scharf durch die Stille

Und Nammu zerriss sich in Wasser und Eis,

in Süß- und Salzwasser,

warm und kalt.

Sie schuf sieben Kontinente

Ozeane trieben auseinander

Und es entstanden Strudel so stark

Das sie Felsen zu Sand zerrieben

Die Meere rissen aneinander,

Und die Göttinnen des Wassers wachten auf

Aus Bergen brachen Quellen hervor

Flüsse strömten durch braches Gebiet

Tau benetzte Steingebilde 

Regen trommelte auf Wassermassen

Geysiere schossen aus dem Boden

Schnee legte der Welt einen Mantel um

Der Golfstrom entstand und brachte das Wetter

Tränen benetzten alles Lebendige

Und Stürme rissen Landmassen ein

Erst als die Wasser erwachten

Erwachte die Zeit

Die Wasser riefen die Welt an

Und die Welt war so weit

Energie formte Zellen

Und Zellen das Leben

Wale zogen wie dunkle Wolken

Durch die Tiefen dahin

Quallen schwebten vornehm umher

Algen tanzten zur Strommelodie

Und die Flossenschläge der Fische

Wurden zur Seesinfonie

Die Göttin der Meere war Königin geworden

Und ihr Reich war das Ende der Farbherrschaft Blau

Es war fischschuppenorange und korrallenrosa,

es war walhautgrau und wasserpflanzengrün

es war lichtdurchflutettürkis und dunkelheitsblau

es war das Ende und der Anfang zu gleich

Sie schmückte ihre Haare mit Kronen aus Schaum

Und erzeugte Strudel des Lebendigen

Und die Fische, die kleinen und die wendigen,

schwammen wie Traumpartikel umher

hier unten, in der Tiefe, war man weniger schwer

Luftblasen funkelten wie Edelsteine

Und den Ort allen Lebens nannte man Meer.

Nammu streichelte die Strände und Küsten

Sie umarmte die Felsen und liebkoste den Wind

Und als die Kinder des Meeres vollkommen waren

Da fand sie sich selbst als Horizont zu klein

Da ließ sie sie atmen

und gab sie an Land.

Die neugeborenen Meereskinder

atmeten Luft und tranken das Wasser

Sie machten Feuer und nutzten die Erde

Sie fanden Gedanken und kosteten Glück

Sie wurden wie Nammu zu Wesen

Und sie gebaren sich eigene Kinder

Und ihre Bäuche wurden zu Meeren

Schwerelos und federgleich

Schwebten sie in Friedlichkeit

Die Geräusche wie gefiltert

Die Lichter leicht gedimmt

Am Anfang sind wir Wasserwesen

Die Finger sind noch kleine Flossen

wir haben keine Kiemen

Und atmen doch nicht Luft 

Geboren aus dem Leibe einer Königin

Ein Feststoff im Wasser,

ein Fels in der Brandung

nicht Fisch aber Fleisch

taumeln wir von Wasser in Luft

und ein erster Schrei

erklingt in der Welt

Und so taumeln wir

Halb Mensch und Halb Wasser,

wir tragen in uns

zwei ruhige Ströme

Aus Süßwasser und Salz

Blut und Speichel und

Tränen und Schweiß

In uns waren die Wasser

Wieder vereint

Das Ende des Traumes war fast erreicht

da verschob sich die Ruhe

zum ruhigsten Gefühl

und die Sehnsucht zog ein

nach Feuer und Wissen,

nach eigenem Heim

und wo vorher Wald war

war später Stein

und wo vorher Tier war

trat Stille ein

Boote zogen durch die Häfen,

Motoren dröhnten überall,

Tanker vergossen schwarze Tränen

Die Wolken weinten sauren Regen

Und Vögel trieben mutlos dahin

Man vergaß die Göttin des Meeres

Und erfand die Göttin des Geldes

Und man arbeitete, statt zu wünschen

Und man hetzte, statt zu ruhen

Und man wollte, statt zu wissen

Und die Lüfte wurden staubig

Der Smog war überall

In der Krone der Göttin des Meeres

Steckte das Plastik und verfilzte ihr Haar

Man ließ Netze unter ihre Haut

Und beutete ihre Meereskinder

Und Nammu wollte sie strafen doch

Ohne ihr Wasser vertrockneten sie

sie wollte sie wieder zu sich nehmen

Doch in ihren Fluten ertranken sie

Und Nammu war so traurig,

dass sie einsam wurde

Und Nammu war so traurig,

dass sie weinen wollte

Und sie rief die Göttin der Tränen

Und es gab einen salzigen Regen

sie riefen die Stürme, die Dämpfe,

den Regen, die Fluten, den Strom

wir werden wieder wir sein, sprachen sie,

die Wasser.

Und die Wasser erfassten

Was sie fassen konnten

Gletscher lösten sich zu kalten Tränen

Polarkappen brachen zu traurigem Staub

Meeresspiegel erklommen die Inseln

Und Tsunamis bissen der Welt die Ränder ab.

 

Sie nahmen mit, was sie einst gaben

Das Leben, die Luft und das Korn

Sie nahmen mit, was sie zurückbekamen

Den Müll, das Öl und den Zorn

Ganz am Anfang war das Wasser

Noch vor jedem Wort, vor jeder Zeit

Ganz am Ende war das Wasser

Nach den Menschen, nach dem Streit

sie gaben,

sie kamen,

sie nahmen,

denn sie waren

die Wasser