Keine Gefahr
Wir machen einen Spaziergang auf die hässliche Seite der Hafenstadt um nicht zu verbrennen.
/
Es relativiert sich schon alles wo die Schlacke den Sandstrand
mit Schutt überzieht, wo die Häuser nicht mehr pastellfarben sind, hier
lässt es sich aushalten. Hier lässt es sich glauben das wäre hier nicht: Eine Insel
Ein Schwindel, der uns komplett aus der Umlaufbahn kickt
(Ist das das Meer das da rauscht oder das Autobahnkreuz voraus?)
Hier lässt es sich glauben wir wären hier nicht / in Gefahr.
Ein Vorteil: Wenn man spazieren geht braucht man sich nicht so oft in die Augen zu schauen
Wächst es nicht zwischen den Blicken das pulsende Tier, das uns greift
und in Richtung der Mitte des Ozeans zieht, ich könnte schwören
gestern noch war das alles hier Festland.
//
Du zählst Dinge auf: Narben, die du am Körper trägst
Grenzen, die du passiert hast, Knotenpunkte,
klaffende Stellen, die Mäuler reckend
Da, wo eines ins andere übergeht ist es oft dreckig
schmiegt sich die Luft oft Körperwarm und feucht,
will einen nicht loslassen, riecht es nach Eisen,
bleib hier, kleiner Held.
Du bist doch nur
ein ganz normales Kind.
Wenn deine Haut dich nicht freigibt musst du dich losreißen.
Musst die Finger dir aufs gesunde Gewebe drücken
wie Spitzen von Glut. Wenn deine Haut dich nicht freigibt
musst du sie abstreifen. Kannst du das spüren?
Den Wind. Die Schockwellen. Die Erinnerung
an die erste Berührung, den ersten Kuss
der Gefahr. Was würdest du machen, sagte ich dir:
wenn wir jetzt springen
gibt es kein Aufkommen weder auf Wasser /
noch auf dem Land, wir hängen dann da
zusammen
im Nichts
Du bist ein ganz normales Kind.
Du zählst Dinge auf, die dein Körper trägt
ein normaler Körper: Plattfüße.
Einigermaßen lässig geschwungenes Haar. Empfindliche Haut.
Da sind Dinge, die dich tragen: Ein Rippenkorb
hält dein schlagendes Herz. Die Beine noch pulsend vom Rennen
oder war das die Angst / vor dem Sprung?
Grenzen, die dir passiert sind
Vor denen du rumstandst wie eine Heldenstatue
glorreich und unbewegt
das kann schon passieren.
Wenn deine Haut dich jetzt abhält, dann musst du da aussteigen.
Was würdest du machen sagte ich dir: wenn wir jetzt springen
löst sich die Insel im Ozean auf wachsen uns Schwimmhäute
zwischen den Fingern vielleicht zwischen den Lippen.
Wo eines ins andere übergeht gibt es oft einen Moment kein Geländer,
wir sprechen uns nach: Im Fall gibt es keine Gefahr.
Im Fall gibt es
keine Gefahr
Im Fall
gibt es keine
Gefahr.
Wir sammeln Dinge auf an den Rändern der Küstenstraße der Insel
Die uns erinnern daran nicht nachhause zu kehren wie wir gingen von da.
Ich halt sie in meinen Taschen noch auf dem Heimweg, berühre die Rillen,
die Ränder der Knicke wie Schrift. Eine Straßenbahnkarte der fremden Stadt
einen Stein und ein halbes Gedicht. Bleib wach, kleiner Held. Du bist doch nur
Inselbewohner.